Was ist ein Potenzial­wachstum?

Das Potenzialwachstum ist für Ökonomen eine wichtige Vergleichsgrösse, um zu bestimmen, wo im Konjunkturzyklus sich eine Volkswirtschaft gerade befindet. Doch wie kommt die Zahl zustande?

Text: Cindy Kobler

Potenzialwachstum (Bild: Getty)
Das Potenzialwachstum ist für Ökonomen eine wichtige Vergleichsgrösse, um zu bestimmen, wo im Konjunkturzyklus sich eine Volkswirtschaft gerade befindet. (Bild: Getty)

Ursprünglich stammt das Wort Potenzial vom lateinischen «potentia» ab, was so viel bedeutet wie Macht, Stärke oder Fähigkeit. Ein Mensch verfügt über Potenzial, wenn er in der Lage ist, körperliche oder geistige Kräfte zu entwickeln, beispielsweise im Sport oder in der Wissenschaft.

Damit wir unser eigenes Potenzial erkennen und ausschöpfen können, müssen wir zuerst herausfinden, worin wir wirklich gut sind. Bei Ökonomen gilt Potenzialwachstum in einer Volkswirtschaft als die langfristige Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts bei optimaler Auslastung der vorhandenen Kapazitäten.

Was ist denn die optimale Auslastung?

Ein Industriebetrieb produziert idealerweise genau so viele Güter, dass sämtliche Maschinen und Mitarbeitenden voll ausgelastet sind. Somit gibt es zwar keine freien Kapazitäten, aber auch keine Leerläufe. Der Betrieb erwirtschaftet so den maximal möglichen Profit.

Aus der gesamtwirtschaftlichen Perspektive betrachtet wäre das die ideale Welt. Sind alle Ressourcen optimal eingesetzt, könnte eine Volkswirtschaft ewig so weiterwachsen. In der Realität weicht das Bruttoinlandsprodukt aufgrund konjunktureller Schwankungen jedoch meist von diesem Idealzustand ab.

Das Potenzialwachstum ist für Ökonomen eine wichtige Vergleichsgrösse, um zu bestimmen, wo im Konjunkturzyklus sich eine Volkswirtschaft gerade befindet. In einer Rezession wächst die Wirtschaft unterdurchschnittlich – also unter ihrem Potenzial.

Geht es der Wirtschaft schlecht, fragen Konsumentinnen und Konsumenten deutlich weniger Güter und Dienstleistungen nach, was wiederum zu schlecht gefüllten Auftragsbüchern und zu Arbeitslosigkeit führt. In einer konjunkturellen Aufschwungsphase verhält es sich genau umgekehrt.

Schätzungen verschiedener Faktoren

Potenzialwachstum kann nicht beobachtet werden, denn es handelt sich dabei um eine Schätzung von Ökonomen. Unter anderem spielt die zukünftige Entwicklung der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren eine Rolle.

Denn je mehr Personen arbeiten können, desto höher ist die gesamtwirtschaftliche Leistung. Auch die Produktivität, also der effiziente Einsatz vorhandener Ressourcen, ist eine entscheidende Grösse. Getrieben von Automatisierungund Digitalisierung soll diese angekurbelt werden.

Nicht zuletzt deshalb sind Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie das Bildungsniveau entscheidende Grössen, die bei der Berechnung des Potenzialwachstums herangezogen werden. Ökonomen müssen herausfinden, worin eine Volkswirtschaft wirklich gut ist und wie hoch das
Potenzial für Wachstum tatsächlich ist.

Keine ideale Welt

Schätzungen sind immer mit hohen Unsicherheiten behaftet – das verhält sich beim Potenzialwachstum nicht anders. Während die optimale Auslastung für Industriebetriebe sehr gut messbar ist, besteht bei Dienstleistungen eine weit höhere Unsicherheit.

Ein aktuelles Beispiel aus der Coronapandemie zeigt jedoch, dass die Nachfrage nach Mobiltelefonen oder Autos zwar ungebrochen hoch ist und die Produktionsstandorte auch Kapazitäten hätten. Allerdings mangelt es an Bauteilen sowie an Arbeitskräften. Die Welt ist nicht immer ideal.

 

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