Eine Treichel mit Charakter
Eine Treichel, die Tradition und Kreativität verbindet: Für den Kilchberger Schwinget hat Agnes Wüthrich, Projektleiterin im Eventteam der Zürcher Kantonalbank, ihre erste Treichel bemalt. Entstanden ist nicht nur ein einzigartiges Kunstwerk, sondern auch eine Geschichte über Kreativität, Leidenschaft und die Freiheit, neben der Arbeit das zu tun, was einen erfüllt.
Text: Mirjam Arn
Ein kreativer Prozess mit Gewicht
Ein feiner Pinselstrich, ein konzentrierter Blick, eine ruhige Hand. Vor Agnes steht keine Leinwand, sondern eine Treichel – gross, schwer und mehrere tausend Franken wert. Als sie die Treichel zum ersten Mal sah, war sie beeindruckt von ihren Dimensionen und der Bedeutung, die sie für den Kilchberger Schwinget haben würde. Die Herausforderung reizte sie: etwas Neues zu wagen und Tradition mit ihrer eigenen künstlerischen Handschrift zu verbinden.
Die Treichel landete schliesslich in ihrem Fiat 500 und wurde nach Hause transportiert. Wenn Agnes draussen daran malte, hörte die Nachbarschaft von nun an ungewohnte Klänge aus dem Garten.
Vom leeren Haus zu 200 Bildern
Das Malen begleitet Agnes schon seit vielen Jahren. 2002, nach dem Umzug in ein neues Haus, griff sie zum Pinsel, um die leeren Wände mit eigenen Werken zu füllen. Jedoch erst kurz vor der Corona-Pandemie fand sie intensiver zum Malen zurück, inspiriert durch eine Freundin und einen Malkurs. Der Anfang war jedoch ernüchternd: Freies, abstraktes Malen lag ihr nicht. Doch Aufgeben war nie eine Option. Schon bald entstanden erste Werke, mit denen sie zufrieden war.
Während der Pandemie wurde das Malen zu einer noch grösseren Leidenschaft. Ihr Mann durchkämmte Baucenter, um Leinwände zu besorgen, und seither hat Agnes rund 200 Bilder geschaffen. Viele davon übermalt sie später, andere hängen bei ihr zu Hause oder wurden als Auftragsarbeiten verkauft. Sie malt auf Leinwand, Kleidung und Stoff. Aktuell arbeitet sie an einem Hai, der den Rücken einer Jacke zieren soll. Für Agnes ist klar: «Jedes Bild hat eine Geschichte.»
Wenn das Motiv zum Leben erwacht
Auch bei der Treichel sollte das Motiv etwas Besonderes sein. Zwei Schwinger, Kühe oder Enzian – klassische Motive, die Agnes jedoch zu gewöhnlich fand. Stattdessen entschied sie sich für eine Zwilchhose. Jenes Kleidungsstück, das den Schwingern im Sägemehl standhalten muss. Agnes wollte der Hose Charakter verleihen, mit Rümpfen und einem Gurt, der gebraucht wirkt. In ihren Werken spielen Augen oft eine zentrale Rolle, da sie einem Motiv Persönlichkeit verleihen. Doch bei der Treichel musste sie andere Wege finden, um genau dieses Leben und diese Tiefe einzufangen.
Mit einer klaren Vorstellung im Kopf begann die Arbeit. Agnes fertigte eine Schablone an, grundierte die Treichel beige und übertrug die Konturen mit Kreide. Anders als bei ihren sonstigen Werken war hier Präzision gefragt: «Da kann man nicht einfach alles wieder wegwischen.» Mit feinen Pinseln und viel Geduld brachte sie das Motiv auf die Treichel. Immer wieder legte sie Pausen ein, um mit frischem Blick weiterzuarbeiten. Und dann geschah das, was sie am Malen liebt: Sie kam in den Flow. «Wenn ich den Pinsel in der Hand habe, ist es fast wie eine Sucht», sagt sie.
Geht nicht, gibt's nicht
Was Agnes beim Malen antreibt, prägt auch ihre Arbeit im Büro. Seit 1991 ist sie bei der Zürcher Kantonalbank tätig, seit 1999 im Marketing. Ihre Devise: «Geht nicht, gibt's nicht.» Im Eventbereich gibt es zwar Vorgaben, doch innerhalb dieses Rahmens bleibt Raum für Kreativität. Für Agnes geht es darum, Erlebnisse zu schaffen, die im Gedächtnis bleiben. «Wenn alles nur 08/15 wäre, wären es keine Erlebnisse», sagt sie.
Diese Haltung verbindet ihren Beruf mit ihrer Leidenschaft: Nicht das Naheliegende wählen, sondern mit Geduld und Kreativität nach besonderen Lösungen suchen. Auch beim Malen schätzt sie den Prozess, selbst wenn nicht jeder Schritt Freude bereitet. Das Grundieren und Vormalen würde sie am liebsten überspringen – doch es gehört dazu, wenn am Ende etwas Einzigartiges entstehen soll.
Eine Treichel als Gabe
Die Treichel für den Kilchberger Schwinget war für Agnes ein besonderes Projekt. Zum einen, weil sie sich erstmals mit dieser Tradition auseinandersetzte. Zum anderen, weil ihr Werk nicht bei ihr zu Hause blieb, sondern auf dem Gabentisch des Schwingfests landete. Zu einem Schwingfest gehört ein attraktiver Gabentempel mit wertvollen Preisen und schönen Erinnerungsstücken. Die Treichel war eine Ehrengabe der Zürcher Kantonalbank, was es umso schöner machte, dass Agnes als ZKB-Mitarbeiterin daran mitwirken konnte. Am Ende war es der Schwinger Lüscher Sinisha, der die Treichel als Erinnerungsstück auswählte.
Agnes erinnert sich an den Moment zurück, als die Treichel abgeholt wurde. An den leeren Lastwagen, in dem die grosse Treichel lag, und daran, dass ihr plötzlich bewusst wurde, was sie geschaffen hatte. «Ich bin schon etwa sieben Zentimeter gewachsen», sagt sie lachend. Ihr Stolz ist spürbar, denn für Agnes macht die Geschichte eines Werks dessen Besonderheit aus.
Bevor die Treichel ihren Platz auf dem Gabentisch fand, wurde sie im August an der Bahnhofstrasse in Zürich ausgestellt. Für Agnes war es ein besonderer Moment, ihr Werk in diesem Rahmen der Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen.
Leben und Arbeiten im Einklang
Das Malen ist für Agnes ein wichtiger Ausgleich. Lange Zeit hatte sie diesen nicht. Mit kleinen Kindern und einem 60-Prozent-Pensum blieb wenig Raum dafür. Heute passt das Malen in ihr Leben, und sie wünscht jedem, etwas zu finden, das einen so erfüllt, dass man darin aufgehen kann. «Nur wenn der Kopf frei ist, kann man gut arbeiten», sagt sie. Zufriedenheit und innere Ausgeglichenheit seien entscheidend für Kreativität und gute Ideen.
«Leben und Arbeiten im Einklang» bedeutet für sie nicht, dass Beruf und Privatleben verschmelzen müssen. Vielmehr geht es darum, neben der Arbeit Platz für das zu haben, was einen als Mensch erfüllt. Durch den aktiven Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen, bei dem es nicht nur um die Arbeit geht, wurde ihre Leidenschaft fürs Malen bekannt – und führte schliesslich dazu, dass sie für die Treichel angefragt wurde. Für Agnes ist das ein Stück Unternehmenskultur. Und ein Grund, warum sie nach so vielen Jahren noch mit Begeisterung für die Bank arbeitet.
Die erste Treichel ist inzwischen nicht die letzte geblieben: Für ein weiteres Schwingfest gestaltet Agnes aktuell das Band einer Glocke. Auch dieses Werk wird ihre Handschrift tragen. Denn für Agnes hat jedes Bild eine Geschichte. Und manchmal beginnt diese mit einem ganz feinen Pinselstrich.
Unser Engagement für den Schwingsport
Seit 2008 engagiert sich unsere Bank mit grosser Leidenschaft für den Schwingsport. Wir unterstützen regelmässig die Zürcher Kantonal-Schwingfeste sowie das Nordostschweizerische Schwingfest im Kanton Zürich. Seit 2013 sind wir zudem Hauptsponsorin des Zürcher Kantonal-Schwingerverbandes und haben zuletzt den Kilchberger Schwinget 2026 als Hauptsponsorin begleitet.