Fluch und Segen der Elektrizität

Energie wird immer teurer. Wird der Strompreis weiter steigen und wohin geht der Trend?

Text: Jens Schweizer, Anlagespezialist Anlagethemen und -trends Zürcher Kantonalbank

Strompreise Umspannwerk
Die Entwicklung des Strompreises ist historisch signifikant und liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. (Bild: Pexels)

Stellen Sie sich vor, es gäbe plötzlich keinen Strom mehr. Ihr Wecker würde Sie morgens nicht wecken, der Zug nicht fahren, Smartphone und Laptops bald nicht mehr funktionieren. Unternehmen müssten ihre Produktion einstellen und Spitäler könnten die Gesundheitsversorgung nicht sicherstellen. Unser bekanntes Leben würde stillstehen.

Elektrizität ist gleichzeitig ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Wohlstands und zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir erleben aktuell eine freundliche – aber bestimmte – Erinnerung, dass Strom ein knappes Gut ist. Der Strompreis ist Ende letzten Jahres steil nach oben geschossen

Strompreise Grafik

Obwohl sich die Höchststände leicht zurückgebildet haben, ist die Entwicklung historisch signifikant und liegt weiterhin deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Dahinter steht eine Kombination von Ursachen.

Die ausgeprägte wirtschaftliche Erholung von der Coronakrise hat die Energienachfrage allgemein nach oben getrieben. Kurzfristig kamen der kalte Winter und die Versorgungsängste aus der Ukraine-Krise hinzu. Dies traf auf ein träges Angebot, da Stromkonzerne ihre Produktion einerseits Jahre im Voraus bereits verkaufen und andererseits durch die Dekarbonisierung – den Ersatz fossiler Brennstoffe – unflexibler geworden sind. Spitzenzeiten werden nämlich häufig durch Kraftwerke abgedeckt, die zunehmend vom Netz genommen werden. Kurzfristig wird sich aufgrund der guten wirtschaftlichen Aussichten und der Ukraine-Krise wenig an dieser Situation ändern, aber auch langfristig gibt es gute Gründe für strukturelle Verschiebungen am Strommarkt.

Dekarbonisierung als Treiber

Nicht nur die fortschreitende Automatisierung ist hier ein bedeutender Treiber, sondern vor allem auch die Dekarbonisierung verleiht der Nachfrage zusätzlichen Schub. Die Produktion hingegen wird nur langsamer nachziehen können, da die politische Richtungslosigkeit bezüglich erneuerbarer Energien, die vorgezogene Abschaltung fossiler/atomarer Kraftwerke und die lange Bauzeit neuer das Angebot hemmt. Dazu kommen die mit verstärkter Nutzung erneuerbarer Energien zunehmenden zeitlichen und regionalen Asymmetrien zwischen Produktion und Konsum von Strom, die zusätzliche Speicher- und Verteilkapazitäten erfordern. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Produktion, Speicherung und Verteilung von Strom immer wichtiger werden und Stromversorgern in diesem Umfeld eine zentralere Bedeutung zukommen wird.

Eine Herausforderung hierbei sind sicherlich die anfallenden Investitionen, die jedoch aufgrund der wenig preissensitiven Nachfrage nach Strom überkompensiert werden dürften. Stromunternehmen werden dem Sektor Versorger zugeordnet, der eine stattliche Dividendenrendite ausweist.