«Vollstromer» auf der Überholspur

Mehr Reichweite und nicht zuletzt die stark angestiegenen Benzin- und Dieselpreise machen Elektrofahrzeuge attraktiv. Automobilhersteller tätigen dafür hohe Investitionen.

Dr. Manuel Renz, Co-Autor: Dr. Daniel Fauser

Insbesondere seit der Corona-Pandemie ist der Absatz und die Nachfrage von reinen Elektrofahrzeugen (Battery Electric Vehicle, BEV) stark angestiegen. Betrug der Anteil der BEV-Neuzulassung in der Schweiz 2020 8,3 % ist dieser auf 13,8 % im Jahr 2021 angewachsen. Hinzu kommt: Die deutliche Erhöhung der Preise für fossile Energie dürfte die Nachfrage nach Elektroautos weiter ankurbeln.

Der Trend hin zu Elektrofahrzeugen wird anhalten, auch weil Politik und Gesellschaft die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft anstreben. Herkömmliche Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor (Internal Combustion Engine Vehicles , ICEVs), die im Jahr 2021 immer noch rund 93 % der weltweiten Pkw-Verkäufe ausmachen, emittieren laut Internationaler Energie Agentur (IEA) Lebenszyklusemissionen von 42 Tonnen CO2-Äquivalente. Im Vergleich hierzu stossen BEV zirka halb so viel Tonnen CO2-Äquivalente aus. Die unten stehende Grafik zeigt einen globalen Durchschnittswert für die Kohlenstoffintensität des Stromnetzes. Bezieht man demnach Strom aus nachhaltigen Erzeugungsquellen für das Auftanken, wird die Lebenszyklusemission von BEV weiter reduziert.

Vergleich Lebenszyklusemissionen BEV vs. ICEV

Quelle: IEA

Folgenreiche Umstellung der Produktion

Die Automobilindustrie hat mehr als 100 Jahre in die Entwicklung und Verbesserung der Antriebsstrangfertigung und Fahrzeugmontage investiert. Die Umstellung der Produktion auf BEVs wird erhebliche Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette der Automobilhersteller (Original Equipment Manufacturers, OEM) haben. Das zeigt sich beispielsweise bei der Anzahl beweglicher Motorteile. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens PWC zählt der Elektromotor eines Chevrolet Bolts gerade mal drei bewegliche Teile. Ein gewöhnlicher Verbrennungsmotor besteht aus rund 113 beweglichen Komponenten.

Der Übergang zu einer BEV-Produktion schafft neue Ansätze für die Wertschöpfungskette der OEMs. Traditionelle OEMs haben das Design, die Herstellung, die Montage, das Marketing und den Aftersales von ICEVs übernommen. Tesla verfolgt einen völlig anderen Ansatz für die Wertschöpfungskette und versucht, so vertikal integriert wie möglich zu sein. Die Wertschöpfungskette von Tesla umfasst neben der traditionellen OEM-Wertschöpfungskette auch den Abbau bzw. die Gewinnung von Rohstoffen, die z.B. für Batterien benötigt werden, die Veredelung und Verarbeitung von Mikrochips, das Programmieren von Software sowie ein Netz von Schnellladestationen für BEVs. Demnach bieten sich für traditionelle OEMs Chancen, das Geschäftsfeld zu erweitern, auch wenn dies mit grossen Investitionen verbunden ist.

Grosse Investitionen und noch grössere Strategien für BEV

Die nachfolgende Grafik illustriert die aktuellen EV- und Batterie-Investitionszusagen der OEMs. Die dargestellten Investitionen zielen darauf ab, die Reichweite und Leistung von Batterien zu verbessern, die Kosten von Elektrofahrzeugen zu senken sowie die Produktion von Batterien und Elektrofahrzeugen weltweit auszuweiten. Die Investitionen beinhalten nicht jene in zusätzliche Produktionskapazitäten von Batterieunternehmen, in denen die OEMs als Joint-Venture Partner oftmals engagiert sind.

Geschätze Investitionen diverser Automobilhersteller

Quelle: Reuters, Zürcher Kantonalbank

Darüber hinaus überbieten sich die Automobilhersteller mit ambitionierten Verkaufs- und Modellzielen. Unter anderem strebt Volkswagen einen BEV-Anteil relativ zu allen verkauften Fahrzeugen von 25 % im Jahr 2025 an (derzeit rund 5 %). Noch aggressiver agiert Ford mit einem Ausstieg aus dem Verkauf von ICEV in Europa ab 2026 sowie der Präsentation von 40 neuen BEV-Modellen für dieses Jahr.

Insgesamt erwarten Automobilanalystinnen und -analysten ein jährliches Wachstum von BEV im Bereich von 25 % bis 30 % bis 2030. Hiervon werden auch grosse und namhafte OEMs wie zum Beispiel Mercedes-Benz Group AG, Volkswagen AG, Ford Motor Co. und General Motors Co. trotz grosser Investitionen profitieren.

 

Die Publikationen wurden vom Buy-Side Research des Asset Managements der Zürcher Kantonalbank und nicht von der Abteilung «Finanzanalyse» im Sinne der von der Schweizerischen Bankiervereinigung herausgegebenen «Richtlinien zur Sicherstellung der Unabhängigkeit der Finanzanalyse» erstellt. Die Publikationen unterliegen folglich nicht diesen Richtlinien.

Weiterführende Informationen

In Ergänzung zu den obigen Ausführungen hat der Bereich Investment Strategy & Economic Research der Zürcher Kantonalbank einen Videobeitrag produziert. Er thematisiert unter anderem, wie kompetitiv erneuerbare Energien heute sind.

 

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