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«Unser Auftrag ist es, ins Risiko zu gehen»

Pınar Karabulut und Rafael Sanchez wollen als neue Co-Intendanz des Schauspielhauses Zürich Gespräche lancieren, neue Blickwinkel auf Stücke anbieten, Experimente wagen und hier und da ein dionysisches Lebensgefühl vermitteln.

Interview: Patrick Steinemann / Bild: Philip Frowein | aus dem Magazin «ZH» 2/2025

Pinar Karabulut und Rafael Sanchez, Co-Intendanten Schauspielhaus
Pınar Karabulut und Rafael Sanchez.

Als Theaterschaffende sind Sie Reisende in verschiedenen Räumen. Was bedeutet es für Sie, da zu sein in einer bestimmten Stadt oder auf einer bestimmten Bühne?

Karabulut: Als Regisseurin war ich jahrelang viel unterwegs, aber oft nicht wirklich lange an einem Ort. Als Reisende musste ich verschiedene Strategien entwickeln, um anzukommen. Das ist immer verbunden mit Vorfreude, doch auch mit etwas Angst. Im Fall von Zürich ist diese Angst aber eine positive, schliesslich habe ich mir die Stadt ja ausgesucht und mag sie sehr. Für eine längere Zeit an einem Ort zu sein, ist für mich eine neue Situation, auf die ich mich sehr freue.

Sanchez: Ich brauche immer sehr lange, bis ich an einem Ort ankomme und mich an eine Stadt gewöhnt habe. Dass ich jetzt über eine längere Zeit meine Energie in denselben Ort stecken kann, ist für mich aussergewöhnlich, ja ein Luxus. In Zürich kommt dazu: Es ist für mich auch eine Rückkehr an einen Ort, an dem ich bereits einige Jahre gearbeitet habe.

Beeinflusst der Ort des Schaffens die Arbeit?

Sanchez: Im deutschsprachigen Raum bilden zwar alle Menschen, die ins Theater gehen, eine gewisse Schnittmenge, denn sie sind grundsätzlich kulturinteressiert. Trotzdem ist das Leben in jeder Stadt anders, jeder Ort hat seinen spezifischen Fingerabdruck. Das spüren natürlich auch wir Theaterschaffende. Wir saugen die Stimmung auf und diese fliesst dann ein in die kreative Arbeit.

Karabulut: Auch jede Bühne ist anders und beeinflusst das Schaffen. Jeder Theaterraum, sei es ein Guckkasten oder eine Industriehalle, hat seine eigene Topografie und Stärke und inspiriert die darin Arbeitenden unterschiedlich.  

Pınar Karabulut und Rafael Sanchez

Pınar Karabulut, 1987 in Mönchengladbach geboren, studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie inszenierte unter anderem am Theater Basel, am Schauspiel Köln, am Deutschen Theater Berlin, am Volkstheater Wien, an den Münchner Kammerspielen, der Volksbühne Berlin, an der Deutschen Oper Berlin und an der Opéra national de Lorraine. Von 2020 bis 2023 war sie Teil der künstlerischen Leitung der Münchner Kammerspiele.

Rafael Sanchez, 1975 in Basel geboren, war von 2003 bis 2006 Hausregisseur am Theater Basel, wo er die von ihm entwickelte Spielstätte K6 kuratierte. Als Co-Intendant am Theater Neumarkt in Zürich feierte er von 2008 bis 2013 diverse Erfolge. Sanchez arbeitete unter anderem am Düsseldorfer Schauspielhaus, an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, dem Staatsschauspiel Dresden, am Schauspielhaus Zürich und am Teatro Español Madrid. Von 2013 bis 2023 war er Hausregisseur am Schauspiel Köln und übernahm in der Spielzeit 2024/2025 die Intendanz.

 

Mit unserem Programm präsentieren wir einen Blumenstrauss. Dieser Strauss muss aber nicht allen als Ganzes gefallen.

Rafael Sanchez, Co-Intendant Schauspielhaus Zürich

Nun ist Ihr «Da» hier in Zürich: Sind Sie schon in einen Dialog getreten mit der Stadt?

Karabulut: In den zwei Jahren, seit unser Engagement fixiert wurde, haben wir bereits sehr viele spannende Gespräche geführt über Kunst und Kultur, doch auch über die Gesellschaft und ihre Vorstellungen und Ansichten. Die Zürcherinnen und Zürcher haben sicher gewisse Ansprüche ans Theaterprogramm, das macht unsere Arbeit gerade interessant.

Sanchez: Ja, diese Ansprüche des Publikums sind spürbar. Das rührt auch daher, dass Zürich eine Kunst-und Kulturstadt mit einem sehr vielfältigen Angebot ist. Wir haben Respekt vor dem Zürcher Publikum, spüren aber auch ein wohlwollendes Interesse uns gegenüber.

Was ist in Zürich anders als in anderen Städten, in denen Sie schon gearbeitet haben?

Sanchez: Zürich ist eine sehr ordentliche Stadt, in der alles funktioniert und jeden Morgen die Putzmaschine durchfährt – das unterscheidet sie von gewissen deutschen Städten. Die Zürcherinnen und Zürcher leben auch sehr strukturiert und geplant, zumindest unter der Woche. Zu wünschen wäre es, dass die Stadt nicht in einem allzu kontrollierten Rhythmus verharrt, sondern auch einmal etwas aus sich herauskommt – nicht nur am Wochenende, wenn irgendwo ein Fest stattfindet. Es ist, wie ich finde, auch die Aufgabe des Theaters, Freiräume aufzuzeigen, Lücken aufzumachen und hier und da ein dionysisches Lebensgefühl zu vermitteln. 

Es geht beim Theater darum, irgendwie unbeschreibliche Momente zu ermöglichen, in denen Magie entsteht.

Pınar Karabulut, Co-Intendantin Schauspielhaus Zürich

Schauspielerinnen oder Regisseure geniessen Freiheiten, sie haben jedoch auch einen Zwang zum «da sein» – sie müssen im Moment ihres Tuns sehr präsent sein und ihre maximale Leistung abrufen können.

Karabulut: Aus meiner Sicht greift der Leistungsbegriff für die Performance auf einer Theaterbühne zu kurz. Es geht beim Theater vielmehr darum, irgendwie unbeschreibliche Momente zu ermöglichen, in denen Magie entsteht. Theater erzeugt ein völlig anderes Gefühl als sonstige Medien, es schafft einen Energieaustausch von der Bühne ins Publikum und zurück. Für diese zauberhaften Momente leben wir und die ganze Crew des Schauspielhauses.

Sanchez: Natürlich spüren auch wir Theaterschaffende Druck und müssen uns anstrengen. Ich empfinde das Schauspiel aber als eine körperlich und geistig sehr anregende, ja, als gesunde Tätigkeit. Und der von Pınar erwähnte Glücksmoment überwiegt alles: Wenn Darstellende und Zuschauende gleich atmen, sich gemeinsam anspannen und wieder entspannen, dann entsteht ein unglaublicher Rhythmus.

Wie werden die Zuschauerinnen und Zuschauer in Zürich spüren, dass Sie beide jetzt da sind?

Karabulut: Uns ist es sehr wichtig, dass wir ansprechbar sind, dass wir nahbar sind und unmittelbar. Einen ersten Schritt in diese Richtung haben wir unternommen bei der Spielzeitpräsentation für unser Abo-Publikum. Zudem haben wir einen offenen Brief als Zeitungsbeilage publiziert – eine weitere Einladung, mit uns ins Gespräch zu kommen.

Sanchez: Mit unserem Programm sprechen wir eine Einladung aus an die Zürcherinnen und Zürcher und präsentieren quasi einen Blumenstrauss. Weil unser Publikum sehr divers ist, muss dieser Strauss aber nicht allen als Ganzes gefallen. Wenn jemand die Magnolien darin nicht mag, beachtet er sie halt nicht. Unser Anspruch ist es, für jede und jeden etwas im Angebot zu haben. Bei unserer Planung versuchen wir zudem immer, die Stücke aus verschiedenen Perspektiven anzuschauen, quasi wie beim Optiker, bei dem man beim Ausprobieren der Gläser verschiedenste Linsen vorgesetzt bekommt. Und so soll auch unser Publikum aus verschiedenen Blickwinkeln auf die präsentierten Stücke und Kunstwerke schauen können.

Wir wissen, wie der andere tickt, können uns gegenseitig unterstützen, einander aber auch den Ball zuspielen.

Pınar Karabulut, Co-Intendantin Schauspielhaus Zürich

Sie amten als Co-Intendantin und Co-Intendant: Sind Sie ein durchweg eingespieltes Team oder gibt es auch Reibungen im kreativen Schaffensprozess?

Karabulut: Wir haben den Vorteil, uns schon lange zu kennen. Unser Engagement ist also keine Zwangsehe und wir wurden auch nicht vom Verwaltungsrat verkuppelt. Wir wissen, wie der andere tickt, können uns gegenseitig unterstützen, einander aber auch den Ball zuspielen.

Sanchez: Das bedeutet allerdings meist nicht weniger Arbeit, sondern mehr. Wir gehen die Themen öfter durch und gucken viel genauer auf einzelne Dinge. Da wir uns nicht als singuläre Genies verstehen, entscheiden wir auch nicht aus einer Laune heraus. Trotzdem wollen wir unsere unterschiedlichen Handschriften bewahren. Das ist für uns wie für das Ensemble interessant und hoffentlich auch für das Publikum eine Bereicherung.

Karabulut: Mit diesem Mehr an Kommunikation wollen wir auch mehr Transparenz und Offenheit schaffen. Wir fusionieren unsere unterschiedlichen Expertisen mit den Kompetenzen der teilweise langjährigen Mitarbeitenden des Schauspielhauses und wollen so eine neue, spannende Schichtung schaffen. 

Bei Ihrer Arbeit werden Sie auch von weiteren Geschäftsleitungsmitgliedern unterstützt.

Karabulut: Das ist ein neues Modell, das wir ausprobieren. Die Zusammenarbeit mit dem kaufmännischen Direktor, dem technischen Direktor und der künstlerischen Betriebsdirektorin ist ein Versuch der verstärkten Selbstreflexion und auch ein Empowerment der einzelnen Abteilungen. Wir wollen gemeinsam kundschaften, das Schauspielhaus neu beleben und weiterbringen. Am Ende sollen alle Beteiligten stolz sein können auf ihre Arbeit. 

Ich bin überzeugt, dass es dieses besondere Lagerfeuergefühl nur vor Ort im Theaterraum gibt. Wenn ich das Knistern und die Wärme spüre und die Spucke fliegen sehe. Diese Moleküle, die im Raum schweben, die kann man nicht technisch herstellen. Noch nicht, zum Glück.

Rafel Sanchez, Co-Intendant Schauspielhaus Zürich

Die Hauptakteure Ihrer Inszenierungen sind aber letztlich die Mitglieder Ihres Ensembles.

Sanchez: Von unseren Schauspielerinnen und Schauspielern hängen wir tatsächlich am meisten ab. Deshalb gilt unsere grösste Leidenschaft auch der Probebühne. Mit unserem Ensemble wollen wir Stoffe interpretieren und Neues erfinden. Diese Menschen sollen unseren Zuschauerinnen und Zuschauern Zugang verschaffen zu komplizierten Thematiken. Und je näher das Ensemble beim Publikum ist, umso mehr können wir auch riskieren …

Karabulut: … Etwa beim dreiteiligen Stück «Stützliwösch Supertrans», wenn wir das Ensemble mit jungen Nachwuchskräften bei der Regie, beim Bühnenbild oder bei den Kostümen zusammenwirken lassen. Wir wollen unter anderem auch einem experimentellen Raum zur Entstehung verhelfen, in dem die junge Generation ihr Verständnis kollektiven Arbeitens zeigen kann.

Experimente auf der Bühne, Erwartungen vor der Bühne, ein komplexer Betrieb hinter der Bühne: Als Intendantin und Intendant haben Sie so einige Herausforderungen zu meistern.

Sanchez: Das ist in der Tat aufregend und eine grosse Verantwortung. Eine Garantie, dass immer alles klappt, gibt es nicht. Unser Auftrag ist es aber, ins Risiko zu gehen. Das beginnt schon damit, unserem Publikum auch unsere persönlichen Interessen zu präsentieren. Der schon ins Bild geführte Blumenstrauss muss auch uns gefallen – und wir wollen keine billigen Tulpen verkaufen.

Karabulut: Zur Verantwortung kommt das Vertrauen, das in uns gesetzt wird: Einzelne Mitglieder unseres Schauspielensembles ziehen extra wegen uns nach Zürich und nehmen dafür einiges auf sich. Natürlich möchten wir dieses Vertrauen nicht enttäuschen. 

Trotz der Last der Verantwortung müssen Sie als Regisseure an jedes neue Stück wieder locker herangehen.

Sanchez: Das ist unsere Kernkompetenz. Wir haben eine Premiere, die kommt an beim Publikum oder auch nicht, und am nächsten Montag sitzen wir wieder auf der Probebühne und sagen in bestimmtem Ton: «Ihr kommt jetzt alle von links.» Wir müssen einfach jedes Mal wieder von Neuem überzeugt sein, dass die ganze Welt jetzt genau diese Geschichte mit diesem Auftritt sehen muss.

Der Zuspruch des Publikums ist ein bestimmender Faktor bei Ihrer Arbeit. Wie gehen Sie damit um?

Karabulut: Auch ich komme nochmals auf den Blumenstrauss zurück: Ob dieser dann auch in die Vase gestellt wird, das wissen wir erst am Ende der Spielzeit. Was uns hilft, ist, dass es «das Publikum» so nicht gibt. Jede Theaterliebhaberin und jeder Theaterliebhaber vereint verschiedene Interessen in sich. So kann auch jede und jeder seine persönlichen Highlights herauspicken. Dass dann mal eine 20-jährige ZHdK-Studentin neben einem 80-jährigen Rentner in der Zuschauerreihe sitzt und sich mit ihm über das Stück austauschen kann, macht die Kraft des Theaters aus. Fremde Menschen mit dem gleichen Humor kennenlernen und zusammen lachen – das ist Theater! Und ich bin überzeugt, dass das auch durch unser Programm passieren kann.

Mittlerweile können Theaterstücke aus der ganzen Welt via Streaming ins eigene Wohnzimmer geholt werden. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Ihr Publikum auch morgen noch physisch da sein wird?

Sanchez: Das Streaming von Theaterstücken kann schon funktionieren, aber es ist eine zusätzliche Kunstform, kein Ersatz. Ich bin überzeugt, dass es dieses besondere Lagerfeuergefühl nur vor Ort im Theaterraum gibt. Wenn ich das Knistern und die Wärme spüre und die Spucke fliegen sehe. Diese Moleküle, die im Raum schweben, die kann man nicht technisch herstellen. Noch nicht, zum Glück.

Karabulut: Diese extreme Energie der Liveness überträgt sich bei einer Aufzeichnung nie vollständig. Das ist wie beim Fussball: Da macht es auch einen Unterschied, ob ich im Stadion sitze oder zuhause vor dem Fernseher.

Sanchez: Für uns gibt es kein Besser oder Schlechter zwischen den verschiedenen Medien- und Kunstformen – es sind einfach unterschiedliche Formen, wie Menschen miteinander kommunizieren. Aber das Theater mit seiner Direktheit wird immer unsere Lieblingsform bleiben – für uns ist und bleibt es einfach einmalig. 

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