Zeitzeugen
Der Zeitgeist ist Ausdruck von Mentalität und Lebensgefühl. Zugleich formt er die materielle Welt. So hat manches Jahrzehnt seine ganz eigene Ästhetik. Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung Zürich, nimmt uns mit durch drei Dekaden.
Text: Rahel Perrot | aus dem Magazin «ZH» 1/2026
1920er
Die 1920er-Jahre sind geprägt von Aufbruchstimmung. Der Erste Weltkrieg hat Europa erschüttert, doch nun geht es wirtschaftlich wieder bergauf. Die Industrialisierung schreitet weiter voran und auch kulturell weht ein frischer Wind, etwa durch Jazz und Charleston. «Im Design werden Pathos und Ornament ersetzt durch Sachlichkeit und Nüchternheit», sagt Christian Brändle. «In dieser Zeit werden die Werte geboren, die Schweizer Design bis heute ausmachen: Präzision, Qualität und Langlebigkeit.» Die Industrie lernte schon Jahre zuvor, mit wenig Material viel Mehrwert zu erzielen. «Das Uhrmacherhandwerk oder die Entwicklung des Reissverschlusses stehen exemplarisch dafür», so Brändle. Und auch der Körper wird neu gedacht: Bis anhin moralisch diszipliniert, wird er nun Ausdruck individueller Freiheit.
Der Experte: Christian Brändle
Christian Brändle ist seit 2003 Direktor des Museums für Gestaltung Zürich. Der gebürtige Basler und ausgebildete Architekt war zuvor zuständig für die Oberbauleitung der Arteplage Murten an der Landesausstellung Expo.02. Zudem arbeitete er für das Opernhaus Zürich und die Kunsthalle Basel.
1960er
Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs wird der starke Aufschwung zwei Jahrzehnte andauern. In der Schweiz herrscht Vollbeschäftigung, die Mondlandung lässt vieles möglich erscheinen. Die 68er-Bewegung stellt Autoritäten, Moralvorstellungen und das traditionelle Familienbild infrage. Mobilität und Internationalisierung spielen eine wichtige Rolle. Die US-amerikanische Popkultur wird zur Leitkultur und durchdringt auch hierzulande bald den Alltag. «Die Sachlichkeit im Denken und deren Niederschlag im Design werden ergänzt durch Ironie und Leichtigkeit», so Brändle. In Typografie und Grafik setzt hingegen die Schweiz Massstäbe. Brändle: «In vielen Ländern verbreitet sich der für seine Klarheit und Funktionalität bekannte ‹Swiss Style›.»
1990er
Die Wirtschaft wird globaler. Internet, E-Mail und Mobiltelefonie etablieren sich im Alltag. Kulturell ist die Gesellschaft stark fragmentiert. Subkulturen gewinnen im urbanen Raum an Sichtbarkeit. «Design und Gestaltung dienen zunehmend dazu, die eigene Identität auszudrücken», sagt Christian Brändle. Digital gesteuerte Werkzeuge wie CNC-Fräsen oder Lasercutter ermöglichen die günstige Herstellung von Kleinserien, wodurch die Individualisierung weiter vorangetrieben wird. Mit der Rezession zu Beginn der 1990er-Jahre kommt die Erkenntnis: Wirtschaftswachstum ist nicht unendlich. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit wichtiger. «Günstigere Produkte und Recycling werden zum Gegenentwurf zum teuren Konsum», so Brändle.
Museum für Gestaltung: Zeit und Form
Das Museum für Gestaltung Zürich ist das führende Schweizer Museum für Design und visuelle Kommunikation. Als einzige Institution in der Schweiz sammelt es seit 1875 Objekte des alltäglichen und künstlerisch anspruchsvollen Designs. In seinen Archiven bewahrt das Museum über 580’000 physische, hybride und digitale Objekte von teils weltweiter Bedeutung auf. Damit beherbergt es die grösste Designsammlung der Schweiz. Die Dauerausstellung präsentiert rund 2’500 Objekte. Ergänzt wird sie durch temporäre Ausstellungen zu spezifischen Themen. Als Teil der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) engagiert sich das Museum aktiv in Forschung und Lehre und veröffentlicht regelmässig eigene Publikationen. Seit 2019 verantwortet das Museum für Gestaltung im Auftrag der Stadt Zürich zudem Inhalt und Betrieb des Pavillons Le Corbusier am Zürichsee.