Langlebigkeit: Zeit gewinnen
Die alternde Gesellschaft zwingt zum Umdenken. Gesunde Langlebigkeit – «Healthy Longevity» – lautet das Ziel. Das eröffnet neue Märkte für Unternehmen, Forschung und Investitionen.
Text: Andrea Schmits / Illustrationen: Capucine Matti | aus dem Magazin «ZH» 1/2026
Wir leben länger als jede Generation zuvor. In der Schweiz werden Männer im Schnitt 82,4 Jahre, Frauen fast 86 Jahre alt. Fast ein Fünftel der Bevölkerung ist heute über 65, bis 2055 könnte dieser Anteil auf über ein Viertel steigen, prognostiziert das Bundesamt für Statistik. Jedes vierte im Jahr 2024 geborene Mädchen und jeder sechste Junge wird voraussichtlich mindestens 100 Jahre alt.
Die steigende Lebenserwartung ist eine Erfolgsgeschichte: Während man früher oft bald nach der Pensionierung starb, haben heute nicht wenige 65-Jährige noch ein Drittel ihres Lebens vor sich. Das führt zur Frage, wie sich diese Jahre gesund und sinnvoll gestalten lassen. Die Antwort lautet: «Healthy Longevity» – gesunde Langlebigkeit.
«Gesunde Langlebigkeit bedeutet, möglichst viele Dinge tun zu können, die man selbst als sinnvoll empfindet und die auch von anderen geschätzt werden», sagt Mike Martin, Leiter des Healthy Longevity Centers der Universität Zürich und Professor für Gerontopsychologie und Gerontologie. Es geht also nicht nur um die Abwesenheit von Krankheiten – sondern um die Fähigkeit jedes Einzelnen, während seines gesamten Lebens auf eine für ihn sinnvolle Weise zu handeln und zu leben.
Lebensphase mit Potenzial
«Healthy Longevity» gewinnt global an Bedeutung. Die WHO hat die Jahre von 2021 bis 2030 zur Dekade des gesunden Alterns erklärt. Auch das renommierte US-Magazin «Time» widmete dem Thema jüngst eine Ausgabe und stellte den klassischen Lebenslauf «Lernen, Arbeiten, Ruhestand» grundsätzlich infrage: Diese Einteilung sei ein Konzept aus einer Epoche mit deutlich kürzerer Lebenserwartung. Heute gehe es um lebenslanges Lernen, flexibles Arbeiten und darum, ältere Menschen als aktive Akteure in Gesellschaft und Wirtschaft einzubinden.
«Die meisten Menschen verbinden Alter mit Krankheit und Kosten. Wir müssen lernen, es als potenzialreiche Lebensphase zu begreifen», sagt Martin. Natürlich sei die alternde Gesellschaft auch eine Herausforderung für Sozialversicherungen, Pensionskassen und das Gesundheitssystem. Doch was im öffentlichen Diskurs häufig ausgeblendet werde: Die Wertschöpfung durch ältere Menschen übersteige die Kosten bei Weitem. «Die Beiträge der über 65-Jährigen zur Schweizer Wirtschaft belaufen sich auf mindestens 82 Milliarden Franken jährlich – durch unternehmerische und berufliche Aktivitäten, unbezahlte Arbeit sowie durch Konsum.»
Milliardenmarkt Longevity
Dass eine gesunde und aktive ältere Bevölkerung neue Märkte eröffnet, hat die Wirtschaft denn auch längst erkannt. Babyboomer und ältere Generationen sind oft besonders kaufkräftig und treiben die sogenannte Silver Economy an. Besonders im Bereich Gesundheit können Unternehmen viel Geld verdienen: Je nach Definition und Marktsegmentierung ist Longevity ein weltweit bis zu 600 Milliarden US-Dollar schwerer Markt.
Immer mehr Unternehmen – darunter viele Start-ups – entwickeln entsprechende Produkte und Dienstleistungen. Das lockt auch viele Investorinnen und Investoren an: «Global wird immer mehr in Unternehmen im Bereich Longevity investiert», sagt Michelle Tschumi, Leiterin der Abteilung Start-up Finance bei der Zürcher Kantonalbank. «2024 waren es weltweit 8,5 Milliarden US-Dollar. Dieser Trend hat nun die Schweiz erreicht.»
Auch die Zürcher Kantonalbank fördert innovative Start-ups. «Wir prüfen jährlich rund 600 Jungunternehmen, etwa ein Drittel davon befasst sich mit Longevity», sagt Tschumi. Da sich der Begriff nicht klar abgrenzen lässt, fallen Unternehmen und Produkte aus vielen Bereichen darunter: von Pharmazeutika über Diagnostik bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln und spezialisierter Medizintechnik. «In Zürich sehen wir viele Start-ups aus den Bereichen Medtech und Biotech – hier sorgen vor allem die ETH Zürich sowie die Universität und das Universitätsspital Zürich für Dynamik», so Tschumi.
Gehirnscanner für frühe Alzheimerdiagnostik
Ein Zürcher Longevity-Start-up ist Positrigo. Das ETH-Spin-off hat ein ultrakompaktes Gerät für die Gehirnbildgebung mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) entwickelt. Dieses vereinfacht die Diagnose von Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Epilepsie oder Hirntumoren. Das wird immer wichtiger, denn Prognosen zufolge könnten sich die Demenzfälle in der Schweiz bis 2050 verdoppeln. «Herkömmliche PET-Systeme beanspruchen häufig 15 bis 20 Quadratmeter Fläche und kosten mehrere Millionen Franken», sagt Jannis Fischer, CEO und Co-Gründer von Positrigo. «Unser Gerät NeuroLF hat Platz auf drei mal drei Meter, kostet unter einer Million Franken und ist in wenigen Tagen einsatzbereit.» Die Hoffnung der Entwickler: Der kompakte Scanner soll die Diagnostik breiter verfügbar machen und die Früherkennung unterstützen – auch in Praxen abseits grosser Zentren. Die ersten Geräte sind bereits in Europa und den USA im Einsatz.
Mit eigenen Zellen gegen Urinverlust
Auch Muvon Therapeutics will die Gesundheitsspanne deutlich verlängern – durch gezielte Muskelregeneration. Das Biotech-Spin-off der Universität Zürich entwickelt eine zellbasierte Therapie, die Belastungsinkontinenz bei Frauen lindern soll. Ziel der Therapie ist die dauerhafte Wiederherstellung der Funktion des Blasenschliessmuskels, um unwillkürlichen Urinverlust bei Anstrengung, körperlicher Belastung oder erhöhtem Bauchdruck zu verhindern.
«40 Prozent der Frauen über 40 Jahren sind von Belastungsinkontinenz betroffen», sagt Deana Mohr, CEO und Co-Gründerin von Muvon. «Das verringert ihre Lebensqualität und letztlich auch die Gesundheit enorm: Viele Betroffene reduzieren ihre sozialen Kontakte oder getrauen sich nicht mehr, Sport zu treiben.» Zudem ist Inkontinenz auch einer der häufigsten Gründe für den Umzug ins Altersheim.
2023 betrug die wirtschaftliche Belastung durch Harninkontinenz – bei Frauen und zu einem kleinen Teil auch bei Männern – europaweit über 40 Milliarden Euro. Ein Problem, das sich durch die alternde Gesellschaft noch verstärken wird. Gleichzeitig fristet Frauengesundheit ein Schattendasein, sowohl in der Forschung als auch in puncto Finanzierung: «Nur zwei Prozent der Risikokapitalfinanzierung im Bereich Gesundheit fliessen in die Verbesserung der Gesundheit von Frauen», sagt Mohr. Derzeit sucht sie Kapital für die letzte Versuchsphase; der Marktstart ist in rund fünf Jahren geplant.
Zwischen Wissenschaft und Lifestyle-Extremen
Das Streben nach einem möglichst langen und gesunden Leben kann mitunter extreme Formen annehmen. Ein Beispiel dafür ist der US-amerikanische Unternehmer Bryan Johnson, der unlängst von Netflix in einem Dokumentarfilm verewigt wurde. Johnson schluckt täglich zwischen 50 und 100 Tabletten, wägt jede Mahlzeit aufs Gramm genau ab und folgt einem rigiden Tagesablauf. Alles ist darauf ausgerichtet, möglichst lange zu leben – idealerweise für immer. Aber gibt es ein Rezept für ein gesundes Altern? «Gesundheit hängt von Tausend Faktoren ab», so Mike Martin. Einen grossen Einfluss auf die Gesundheit haben etwa das physische und soziale Umfeld wie beispielsweise das Zuhause und die Nachbarschaft sowie das Geschlecht, die ethnische Zugehörigkeit und der sozioökonomische Status. Zudem ist rund ein Viertel der Gesundheit genetisch bedingt.
Individuelle Tipps statt Giesskannenprinzip
Natürlich kann man seine Gesundheit auch durch das alltägliche Verhalten beeinflussen. «Wir kennen alle die gängigen Empfehlungen: ausreichend Bewegung und Schlaf, eine gesunde Ernährung und so weiter. Doch: Wer jede mögliche Krankheit vermeiden will, landet bei unzähligen Massnahmen – ohne Garantie auf Erfolg», sagt Martin.
Das Healthy Longevity Center verfolgt deshalb einen individualisierten Ansatz. «Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir wegkommen von diesen standardisierten Tipps nach dem Giesskannenprinzip», sagt Martin. Seine Vision: Wearables oder Apps könnten künftig genau dann Vorschläge machen, wenn sie am wirksamsten sind – passend zum Individuum und zur Situation.
Kern der Überlegungen ist, dass gesunde Langlebigkeit wesentlich von sinnstiftendem Handeln abhängt: Wenn Menschen tun können, was ihnen wichtig ist, bleiben sie länger gesund (siehe Interview). Deshalb untersuchen die Forschenden der Universität Zürich aktuell, was sinnhaftes Tun im Alltag konkret bedeutet. Sensoren und digitale Analysen erfassen Bewegungsmuster, soziale Kontakte und Aktivitäten, die Menschen als erfüllend erleben. So entstehen Datenprofile, die sichtbar machen, wann und unter welchen Umständen sinnstiftendes Handeln gelingt.
«Seit den 1950ern werden Milliarden ausgegeben, um herauszufinden, was im Durchschnitt wirkt», sagt Martin. Viel effizienter wäre es, in eine Technologie zu investieren, die individuelle Tipps gibt. «Ziel muss es sein, Menschen situativ zu unterstützen, ohne sie zu bevormunden. Wir brauchen präzise, kontextbezogene Entscheidungshilfen – etwa wie ein Musikstreaming-Algorithmus für gesundes Altern.»
«Soziale Faktoren sind am wichtigsten»
Interview mit Mike Martin, Direktor des UZH Healthy Longevity Centers
Manche Menschen wünschen sich Unsterblichkeit. Wie alt können wir werden?
Das wissen wir noch nicht. Vorstellbar sind 120, vielleicht sogar 130 Jahre. Doch das Alter allein sagt wenig über Gesundheit und Lebensqualität aus.
Wie meinen Sie das?
Zwei 70-Jährige können biologisch, geistig und sozial völlig unterschiedlich sein. Das Alter erklärt nur ein bis zwei Prozent dieser Unterschiede. Investitionen oder politische Massnahmen, die sich ausschliesslich am Lebensalter orientieren, greifen deshalb zu kurz. Wie schnell jemand altert, hängt auch oft mit Lebensübergängen zusammen – etwa dem Ruhestand oder dem Verlust nahestehender Menschen.
Wie kann man das Altern verlangsamen?
Entscheidend ist, ob wir Tätigkeiten nachgehen können, die unserem Leben Sinn geben. Dabei ist soziale Teilhabe einer der wichtigsten Faktoren. Sie lässt sich fördern, indem die physische und soziale Umgebung angepasst wird – etwa durch barrierefreie Wohnungen, zugängliche öffentliche Gebäude oder Infrastrukturen, die das Quartierleben stärken. Ein Ansatz ist auch das «Social Prescribing»: Zürich geht hier mit gutem Beispiel voran.
Was wird da gemacht?
Beim «Social Prescribing» unterstützen Fachpersonen Menschen dabei, gesundheitsrelevante soziale Bedürfnisse wahrzunehmen. Das können Sport- oder Sprachkurse sein oder auch Nachbarschaftstreffs. Denn zentral für gesunde Langlebigkeit ist nicht die perfekte Gesundheit, sondern der Abbau von Hindernissen.