Inhaltsseite:Im Gespräch

Promotion

Im Gespräch

Mehr Spielraum bei der Nachlassplanung

Im Gespräch

Das Erbrecht hat sich seit über hundert Jahren kaum verändert. Der Bundesrat möchte es nun modernisieren und den heutigen Gegebenheiten anpassen. Ein Gespräch mit Balz Hösly, Fachanwalt SAV Erbrecht, und Nicole Burgstaller, Erbschaftsberaterin bei der Zürcher Kantonalbank, über die wichtigsten Änderungen.

Text: Elisabetta Antonelli

Wer seinen Nachlass regeln will, hat heute nur bedingt Handlungsspielraum. Was schreibt das Erbrecht vor?

Balz Hösly: Nur ein Drittel aller Nachlässe werden heute mit einem Testament oder einem Erbvertrag geregelt. Das Erbrecht muss deshalb vor allem bestimmen, was mit denjenigen Nachlassvermögen passiert, bei denen kein Testament oder Erbvertrag vorhanden ist. Daneben enthält es Bestimmungen, welche die Handlungsfreiheit des Erblassers beschränken, wenn er seinen Nachlass individuell, das heisst anders, als das Gesetz es vorsieht, regeln will. Das sind unter anderem die sogenannten Pflichtteile: obligatorische Anteile am Erbe, auf welche die Kinder, der Ehegatte oder die Eltern Anspruch haben. 

Der Bundesrat will das Erbrecht modernisieren. Warum?

B.H.: Das Erbrecht trat 1912 in Kraft und seither hat sich sehr viel verändert. Damals gab es keine AHV, keine berufliche Vorsorge, die meisten Leute betrieben selbstständig ein Gewerbe und lebten in traditionellen Familienstrukturen mit gemeinsamen Kindern. Heute leben fast zwei Drittel der Menschen in anderen Formen zusammen. Patchworkfamilien oder faktische Lebensgemeinschaften sind eher die Regel als die Ausnahme. 

Nicole Burgstaller: Gemäss geltendem Recht beträgt der Pflichtteilsanspruch der Nachkommen drei Viertel ihres gesetzlichen Erbteils, beim überlebenden Ehepartner, eingetragenen Partner und den Eltern des Verstorbenen ist es die Hälfte ihres gesetzlichen Erbanspruchs. Das Ziel der Revision ist, dem Erblasser zu ermöglichen, freier über sein Vermögen zu verfügen. Dies soll durch eine Verringerung der Pflichtteile erreicht werden. 

Was bedeutet das konkret?

B.H.: Ist kein Testament vorhanden, ändert sich unter dem neuen Erbrecht nichts. Der Spielraum für Menschen, welche über ihr Vermögen nach ihrem Tod individuell verfügen und es testamentarisch verteilen wollen, wird aber grösser.  Deshalb schlägt der Bundesrat vor, die Pflichtteile der Kinder zu verkleinern und die Pflichtteile der Eltern abzuschaffen. Der Pflichtteil des überlebenden Ehepartners bleibt unverändert. 

Neu soll es eine Härtefallregelung für den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin geben. Wie sieht diese aus?

N.B.: Der Konkubinatspartner bleibt nach wie vor ohne gesetzliche Erbquote. Dank einer neuen Schutzbestimmung kann er aber im Falle einer finanziellen Notlage gegenüber dem Nachlass einen Rentenanspruch geltend machen. Eine solche Notlage ist dann gegeben, wenn das Existenzminimum nicht mehr gedeckt ist. Voraussetzung dafür ist, dass der Lebenspartner mit der verstorbenen Person mindestens fünf Jahre eine Lebensgemeinschaft geführt hat. Dieser Rentenanspruch ist jedoch auf einen Viertel des Nachlasses beschränkt. 

Das neue Erbrecht enthält eine Bestimmung zum Scheidungsverfahren. Was ändert sich?

B.H.: Wenn heute ein Ehepartner während eines Scheidungsprozesses stirbt, hat der überlebende Partner das volle Erbrecht. Das ist nicht mehr zeitgemäss. Neu kann ein Ehepartner den anderen von der Erbfolge ausschliessen, sobald er das Scheidungsbegehren eingereicht hat – vorausgesetzt, das Paar hat bereits seit zwei Jahren getrennt gelebt. Dies muss es aber formell in einem Testament festlegen. 

Ab wann sollte ich mich mit meinem Nachlass beschäftigen?

N.B.: Unangenehme Themen schiebt man in der Regel gerne vor sich her. Besitzt man aber ein gewisses Vermögen, gibt es kein "zu früh". Wir zeigen unseren Kundinnen und Kunden in der Beratung auf, was passiert, wenn sie nichts regeln. Oftmals ist ein Grossteil des Vermögens in einer Liegenschaft gebunden und dem überlebenden Partner fehlt die notwendige Liquidität, um den Erbanspruch den übrigen Erben auszuzahlen. Im schlimmsten Fall müsste dann die Liegenschaft verkauft werden. 

Welche Unterlagen werden für eine Erbschaftsberatung benötigt?

N.B.: Im Beratungsgespräch zeigen wir unseren Kundinnen und Kunden erst einmal den Ist-Zustand mit konkreten Zahlen auf. Hierfür dient die letzte Steuererklärung. Wichtig ist auch zu wissen, ob bereits eine Nachlassregelung vorhanden ist. Darüber hinaus benötigen wir Angaben zur familiären Situation. 

Wenn es ums Erbe geht, wird es oft emotional. Wie lässt sich Streit vermeiden?

B.H.: Überlegen Sie sich zuerst, was Sie mit Ihrem Vermögen noch machen wollen in Ihrem Leben. Planen Sie Ihr Leben – und nicht Ihren Nachlass. Was brauchen Sie noch? Was ist wichtig für Sie? Danach können Sie planen, ob Sie vom Rest Ihres Vermögens etwas schon zu Lebzeiten weitergeben wollen. Wenn Sie schliesslich noch über Ihr Vermögen nach dem Tod disponieren, ist es oft ratsam, dass Sie darüber Transparenz schaffen und Ihre Familie informieren. So gibt es im Erbfall weniger Streit. 

Wann tritt das neue Gesetz in Kraft?

B.H.: Jetzt wird das Gesetz im Parlament beraten. Wenn alles "reibungslos" läuft, kann es auf den 1. Januar 2021 in Kraft treten. Man muss aber die Beratungen in beiden Räten und die Referendumsfrist abwarten. Je nachdem könnte es auch 2022 oder später werden.

Nicole Burgstaller ist Juristin und seit sieben Jahren als Erbschaftsberaterin tätig.

Erbschaftsspezialistin

Nicole Burgstaller ist Juristin und seit sieben Jahren als Erbschaftsberaterin tätig.

Ihr Tipp: Formulieren Sie Ihr Testament eindeutig und präzise und holen Sie den Rat einer Fachperson ein.

 

Balz Hösly ist Fachanwalt SAV Erbrecht, Mediator und Spezialist für Nachlassplanungen und Unternehmensnachfolge.

Rechtsanwalt

Balz Hösly ist Fachanwalt SAV Erbrecht, Mediator und Spezialist für Nachlassplanungen und Unternehmensnachfolge. Er war Mitglied der Expertengruppe des Bundesamtes für Justiz zur Revision des Erbrechts. Seit 2004 ist er Partner der MME Legal AG in Zürich.

Sein Tipp: Informieren Sie Ihre Familie über Ihre Nachlassplanung. Das vermeidet später Streit unter den Angehörigen. 

 

Darauf kommt es an

Erbberechtigung klären

Klären Sie ab, wer im Todesfall ohne Regelung erbberechtigt wäre und in welchem Umfang. Die gesetzliche Erbfolge entspricht oftmals nicht den Wünschen des Erblassers. Deshalb ist es wichtig, zu Lebzeiten entsprechende Vorkehrungen zu treffen.

Transparenz schaffen

Beziehen Sie Ihre Liebsten in Ihre Nachlassplanung mit ein. Reden Sie mit ihnen, sobald Sie sich überlegt haben, wie Sie Ihren Nachlass regeln möchten. Transparenz vermeidet Streit ums Erbe.

Frühzeitig anpacken

Viele Menschen schieben die Nachlassplanung vor sich her. Dies ist ein Fehler. Denn: Nur wer sich rechtzeitig damit befasst, kann den gesetzlichen Handlungsspielraum nutzen. Zudem lässt sich das Leben unbeschwerter geniessen, sobald die Gewissheit besteht, dass alles nach den eigenen Wünschen geregelt ist.

Neues Gesetz berücksichtigen

Sie sollten die geplante Gesetzesrevision bereits heute bei der Planung Ihres Nachlasses berücksichtigen, so dass Ihre Nachlassregelung nach Inkrafttreten des neuen Erbrechts nicht mehr angepasst werden muss.


Sitemap: