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Mein Leben

Gesa Schneider im Porträt

In der Umlaufbahn der Wörter

Was haben Klettern, Kafka und Science-Fiction gemeinsam? Sie spielen alle eine Rolle im Leben von Gesa Schneider, der Leiterin des Literaturhauses in Zürich. 

Text: Susanne Wagner, Foto: Selina Meier

Gesa Schneider (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Wäre Gesa Schneider eine Romanfigur, wäre sie mit "sprudelnd" gut charakterisiert: Im Gespräch ist die Leiterin des Literaturhauses erfrischend und lebhaft. Gleichzeitig ist sie im Augenblick sehr präsent und präzis in der Wortwahl. Es ist schnell spürbar, dass diese Frau die Sprache liebt. Schon im Vorschulalter zog Gesa Schneider mit ihrer Familie von Bonn nach Brasilien. Ab zehn wuchs sie in der Westschweiz auf. In Lausanne studierte sie Literaturwissenschaften und promovierte mit dem Thema "Kafka und die Fotografie". 

Am liebsten wäre die heute 46-jährige Literaturwissenschaftlerin Astronautin geworden: "Mich faszinierte der Gedanke, die Erde von ganz weit weg zu sehen." Von diesem kindlichen Berufswunsch ist geblieben, dass sie sich noch heute gerne mit der Literatur in Fantasiewelten bewegt. Auch in Büchern betrachtet man die Welt manchmal von sehr nah und dann wieder aus grosser Distanz. Konkrete Kulturprojekte haben die junge Frau, die als Jugendliche leidenschaftlich gerne kletterte, immer wieder gereizt. So arbeitete sie sieben Jahre lang für das Kulturbüro von Martin Heller, für das sie Ausstellungen und Kunstprojekte konzipierte und umsetzte. 

Wie Luftballons an der Decke

Seit 2013 bringt sie im Literaturhaus Schreibende und Lesende zusammen. In ihrem Büro mitten in der Zürcher Altstadt mit Blick auf die Limmat, zu dem Gesa Schneider täglich radelt, ist sie von vielen Büchern umgeben. Zeit zum Lesen hat sie dort aber kaum. Ihre Hauptaufgabe ist es, die jährlich rund 130 Lesungen mit Autorinnen und Autoren zu organisieren. Sie stammen aus aller Welt und sind bunt gemischt nach Alter und Geschlecht. 

Ihre Arbeit vergleicht sie gerne mit Luftballons, die an der Decke hängen und je nach Bedarf herabgezogen und bearbeitet werden. "Wir arbeiten auf ganz vielen Zeitebenen gleichzeitig und planen die Lesungen immer mehrere Monate im Voraus", so Schneider. Sie behält nicht nur Termine, das Programm und das Budget im Auge, sondern kümmert sich auch um Publikationen und Kommunikation. Dabei steht ihr ein vierköpfiges Team zur Seite. Nicht zu vergessen das Pflegen bestehender und neuer Sponsoren, ohne die es das Literaturhaus nicht geben würde. 

Erst kurz vor Mitternacht enden die Arbeitstage, an denen Lesungen stattfinden. Bis zu dreimal die Woche empfangen Gesa Schneider oder ihre Kollegin Isabelle Vonlanthen ihre literaturinteressierten Gäste und führen in den Abend ein. An den Abenden schätzt sie, dass es Orte zum Zuhören und Nachdenken sind: "Fiktion und Erzählungen ermöglichen uns, sich in die Zukunft zu projizieren und andere Lebens- und Gesellschaftsmodelle zu erfinden." 

Sich inspirieren lassen

Den Kulturpessimismus mancher Kollegen in der heutigen Zeit mag sie nicht teilen. Viel mehr freut es sie, dass Lesen und Schreiben heute immer noch wichtige Kulturtechniken sind. Gesa Schneider: "Orte wie das Literaturhaus funktionieren wie kleine Denkfabriken. Aber hier kann man auch einfach eine gute Zeit haben und sich inspirieren lassen." 

Wenn es um ihr ganz persönliches Lieblingsbuch geht, wird es schwierig. Zur Auswahl stehen "Pippi Langstrumpf", Kafkas "Amerika" bis hin zum 200 Jahre alten Text "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" von Adelbert von Chamisso. Am besten abschalten kann Gesa Schneider bei einem weniger bekannten Büchergenre, in dem die Erde manchmal aus grosser Entfernung zu sehen ist: "Die einen lesen Liebesromane, die anderen gucken Serien, ich lese am liebsten feministische Science-Fiction." Obwohl ihre eigene Pensionierung noch weit weg ist, stellt sie sich diese Zeit traumhaft vor: "Das Zürcher Kulturangebot nutzen und jeden Tag baden gehen im Sommer."

Vier Fragen zur Vorsorge an Gesa Schneider

Was haben Sie sich als Kind von Ihren ersten Ersparnissen gekauft?

Mein Taschengeld investierte ich meistens in Süssigkeiten wie Zuckererdbeeren, Esspapier und Lakritzeschnecken. Einmal kaufte ich ein Monchichi, dass ich unbedingt wollte und von den Eltern nicht bekam.

Welche alltägliche Freude leisten Sie sich, ohne ans Geld zu denken?

Einen Becher Cappuccino zum Mitnehmen und eine Butterbrezel von der Bäckerei. Auch beim Mittagessen denke ich nicht ans Geld, obwohl ich meistens in die Kantine gehe.

Wie sorgen Sie im (Berufs-)Alltag vor?

Seit etwa zehn Jahren zahle ich in die 3. Säule ein, weil mir eine Freundin dazu geraten hat. Zudem versuche ich, etwas zu sparen. Vorsorge heisst für mich auch gesund zu essen und genug Bewegung.

Welche Träume möchten Sie noch verwirklichen?

Ich möchte den Vespa-Führerschein machen, um auf einer griechischen Insel herumzufahren. Gerne würde ich auch ohne Flugzeug reisen: mit dem Schiff nach Amerika oder mit dem Zug durch Afrika oder – einfach mit viel Zeit.

Das Literaturhaus

Das 1999 gegründete Literaturhaus Zürich führt 120 bis 150 Veranstaltungen, Lesungen, Diskussionen und Gespräche durch. Das Literaturhaus ist eine Einrichtung der Museumsgesellschaft und wird von der Stadt Zürich und der Zürcher Kantonalbank unterstützt. Die Museumsgesellschaft bietet ihren Mitgliedern an zentralster Lage eine Bibliothek mit 140’000 Büchern in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch – in den Bereichen Belletristik, Politik, Geschichte, Biographien und Reiseberichte - und einen wunderschönen Lesesaal mit 100 Zeitungen und über 300 Zeitschriften aus dem In- und Ausland.


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