Schweizer Franken – Swiss made
Zahlen und Sparen hat vor Jahrtausenden mit den Gehäusen von Meeresschnecken begonnen. Heute verlagert es sich in den virtuellen Raum. Pascale Bruderer, Gründerin von Swiss Stablecoin, macht sich für einen Franken-Stablecoin stark, der auch «Swiss made» ist. Uns erklärt sie, weshalb.
Interview: Stephan Lehmann-Maldonado / Bild: Gerry Nitsch | aus dem Magazin «ZH» 2/2026
Frau Bruderer, Ihre Firma Swiss Stablecoin AG testet zusammen mit Partnern, unter anderem mit der ZKB, eine digitale Währung, die an den Schweizer Franken gekoppelt ist. Was versprechen Sie sich davon?
Stablecoins sind international im Aufwind. Sie verbinden die Stabilität von Währungen wie dem Franken mit den Vorteilen der Blockchain-Technologie. Als digitale Währungen sind Stablecoins bei komplexen Transaktionen effizienter als herkömmliche Zahlungsmittel.
Viele Leute sagen sich wahrscheinlich: «Wir zahlen schon heute digital, mit TWINT, mit Karten, mit Apps.» Worin unterscheidet sich Ihre Lösung davon?
Technisch gesehen sind diese Apps und Karten nur Benutzeroberflächen, welche Zahlungsanweisungen anstossen. Sie lösen innerhalb des Bankensystems einen Prozess aus – die effektive Zahlung erfolgt nachgelagert. Bei Stablecoins geschieht die Zahlung dank dezentraler Technologie direkt. Noch wichtiger ist aber die Programmierbarkeit: Zahlungen mit Stablecoins lassen sich an Bedingungen knüpfen. Das ist ein grosser Vorteil bei komplexen Zahlungen, bei denen verschiedene Bedingungen erfüllt sein müssen. Ein Beispiel: Ein Zulieferer liefert Bauteile, die zertifiziert sowie beim Zoll freigegeben sein müssen. Sobald diese Bestätigungen digital vorliegen, löst das System die Zahlung aus. Nicht nur Rechnungsversand und Mahnwesen, auch Vorauszahlungen entfallen. Stablecoins haben das Potenzial, unsere Zahlungsinfrastruktur mit neuen Funktionen zu ergänzen.
Sie waren zwei Jahrzehnte lang politisch aktiv, unter anderem als Nationalratspräsidentin und als Ständerätin. Wann haben Sie «Feuer» für die Finanzwelt gefangen?
Ich brenne immer noch für dieselben Werte wie als Politikerin: für die Schweiz, ihre Innovationskraft und die Souveränität unserer Infrastrukturen. Genau darum geht es bei Swiss Stablecoin. Ein Augenöffner war für mich, als Facebook – heute Meta – 2019 eine globale Digitalwährung von der Schweiz aus lancieren wollte. Sie fragten mich als Verwaltungsrätin an für das Grossprojekt Libra – später Diem. Da merkte ich: Die Schweiz hat alles, was es braucht, um bei Finanzinnovationen führend zu sein. Wir dürfen nicht warten, bis ausländische Anbieter den Schweizer Franken digital zur Verfügung stellen. Es braucht ein schweizerisches, solide reguliertes Angebot.
Zur Person
Pascale Bruderer hat nicht nur Politologie studiert, sondern auch Politikgeschichte geschrieben: 2002 zog sie mit 24 Jahren als Nationalrätin (SP) ins Parlament ein. 2010 schaffte sie es zur Nationalratspräsidentin als bisher jüngste «höchste Schweizerin». 2011 wechselte sie in den Ständerat. 2019 trat sie nicht mehr zu den Wahlen an, um sich vermehrt in der Wirtschaft zu engagieren. So gründete sie 2022 Swiss Stablecoin.
Der Bitcoin gilt als erste dezentrale Digitalwährung. Seine Anhängerschaft sieht ihn als Gegenpol zu zentralen, regulierten Währungssystemen. Wie ordnen Sie Ihren Stablecoin ein?
Nicht nur das Produkt, sondern der ganze Ansatz ist komplett anders: Der Stablecoin CHFD will digitale Zahlungsinnovationen aus der regulierten Infrastruktur heraus ermöglichen. Weil er vollumfänglich durch Reserven auf Frankenbasis gedeckt ist, ist er ein digitales Abbild des Schweizer Frankens und sein Wert entsprechend stabil.
Bitcoin Suisse, ein auf Kryptowährungen spezialisierter Schweizer Finanzdienstleister, hat mit XCHF einen Franken-Stablecoin betrieben, diesen aber später eingestellt. Was machen Sie besser?
Vertrauen war, ist und bleibt für Swiss Stablecoin der zentrale Aspekt. Deshalb forderten wir von Beginn weg eine solide Regulierung als Voraussetzung, um unseren Stablecoin erfolgreich lancieren zu können. Und deshalb setzen wir auch konsequent auf Partner, die für dieses Vertrauen stehen. Aktuell testen wir unseren Stablecoin in einer geschützten Umgebung – einer sogenannten Sandbox – zusammen mit Banken wie der ZKB. Wir prüfen die Anwendungsfälle unter realistischen Bedingungen.
Warum gibt die Schweizerische Nationalbank nicht selbst einen digitalen Franken heraus?
Die Nationalbank betreibt bereits als Pilotprojekt eine digitale Zentralbankwährung. Allerdings haben nur Finanzinstitutionen Zugang dazu. Die Nationalbank will es Privaten überlassen, solche Innovationen der Endkundschaft anzubieten. Anders die Europäische Zentralbank, die einen digitalen Euro vorantreibt. Sie erachtet den digitalen Zugang zur eigenen Währung aus Souveränitätsgründen für wichtig. Das finde ich nachvollziehbar. Aber dass sie dies von oben verordnen will, kann man kritisch sehen. Ordnungspolitisch scheint mir der Weg der Schweizerischen Nationalbank konsequenter.
Warum ist eine solide Regulierung eines Franken-Stablecoins so wichtig?
Weil Rechtssicherheit entscheidend ist – das zeigen die internationalen Entwicklungen deutlich. Es braucht jetzt dringend auch in der Schweiz eine solide Regulierung. Sonst überlassen wir es ausländischen Anbietern, einen digitalen Franken anzubieten. Und das läge weder im Interesse der Schweizer Wirtschaft noch in jenem der Bevölkerung.
Wir dürfen nicht warten, bis ausländische Anbieter den Schweizer Franken digital zur Verfügung stellen.
Pascale Bruderer, Swiss Stablecoin
Tether bildet den US-Dollar ab, aber es ist wenig transparent, wie das geschieht. Was unterscheidet Ihre Lösung von diesem Modell?
Vertrauen spielt für uns in allen Aspekten eine zentrale Rolle. Dazu gehört auch die Transparenz über die Reserven. Es soll nachvollziehbar sein, wie wir die Wertentwicklung des Frankens abbilden.
Ihre Firma arbeitet mit renommierten Schweizer Banken zusammen. Dieser Schulterschluss erinnert an jenen von TWINT …
Ein Alleingang wäre nicht Erfolg versprechend. Denn dezentrale Technologie lebt davon, dass viele mitmachen. Ihre Stärke liegt – auch für die Banken – in der breiten Zugänglichkeit und Offenheit. Genau das bietet unsere Plattform.
In welchen Bereichen bringt dieser Stablecoin einen Mehrwert für die breite Bevölkerung?
Ein Stablecoin löst vor allem die Probleme von Unternehmen. Die breite Bevölkerung profitiert davon indirekt, merkt aber beim alltäglichen Zahlen wenig. Deutlich spürbar werden hingegen die Vorteile bei grenzüberschreitenden Zahlungen – nämlich geringere Gebühren.
Stablecoins können «Risiken für die Finanzstabilität» bergen, betont die Nationalbank. Ausserdem ist denkbar, dass die Anbieter von Stablecoins bankrottgehen, gehackt werden – oder die Geldwäschereigesetzgebung umgehen. Was halten Sie dem entgegen?
Die Nationalbank erkennt – insbesondere im neuesten Bericht zur Finanzstabilität – das Innovationspotenzial von Stablecoins, weist aber zu Recht auf Risiken und die Notwendigkeit einer robusten Regulierung hin. Ich teile diese Haltung vollumfänglich. Technische Sicherheit verlangt heute wie morgen höchste Priorität. Dasselbe gilt für die Bekämpfung von Betrug und Geldwäscherei sowie für alle anderen gesetzlichen Erfordernisse. Dazu verpflichten wir uns genauso wie unsere Partner – und das erwarten wir von allen, die unsere Plattform nutzen.
Stablecoins, Apps, Banküberweisungen: Wie werden die unzähligen Zahlungsmöglichkeiten künftig zusammenspielen?
Hoffentlich immer reibungsloser. Darum engagiere ich mich dafür, dass auch Stablecoins aus der regulierten Zahlungsinfrastruktur heraus angeboten werden. Schon heute zeichnet sich ab, wohin die Reise gehen könnte: KI-Assistenten tätigen Bestellungen für uns und bezahlen selbstständig. Umso wichtiger wird der Datenschutz.
Was braucht es, damit ich einem Stablecoin so vertraue wie meinem Bankkonto?
Hält ein Stablecoin solide Reserven und kommt die vom Bundesrat vorgeschlagene Regulation, kann er sogar ein neues Mass an Sicherheit erreichen. Er wirft aber keinen Zins ab. Vertrauen wird sich im internationalen Stablecoin-Umfeld als zentraler Erfolgsfaktor entwickeln. Die Schweiz hat hier beste Rahmenbedingungen, sich konkurrenzfähig zu positionieren.
Werden wir uns 2040 noch an Fünflibern erfreuen?
Das weiss ich nicht. Aber Werte wie Freiheit und Privatsphäre, die wir mit Bargeld verbinden, sollten wir nicht aufgeben, sondern mit den richtigen Angeboten in die Zukunft tragen.
Von der Muschel zum Mausklick
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