Konjunkturelle Vollbremsung hinterlässt Spuren

Konjunkturelle Vollbremsung hinterlässt Spuren

Wir durchleben turbulente Tage und Wochen, wie sie in Friedenszeiten bis vor Kurzem undenkbar gewesen waren. "Social Distancing" ist das Gebot der Stunde. Die globale und die Schweizer Wirtschaft fallen zweifelsohne in eine Rezession. Drohen nun sogenannte «Zweitrundeneffekte», die den Konjunkturverlauf nachhaltig beeinflussen und sich schlussendlich auch negativ auf den Wohnungsmarkt auswirken?

Von David Marmet, Chefökonom Schweiz

Vollbremsung auf offener Strecke

Der «Konjunkturzug» vollzieht gerade eine Vollbremsung. Und es stellen sich die bangen Fragen, wie lange er stillstehen wird und welche Schäden dann sichtbar werden, nachdem er wieder Fahrt aufgenommen hat. Die gute Nachricht ist, dass er wieder Fahrt aufnehmen wird. Denn die Geleise – sprich die Infrastruktur – wurden durch die Vollbremsung nicht beschädigt. 

Noch vor einem halben Jahr waren wir von einer «langsamen Verlangsamung» der Schweizer Konjunktur ausgegangen, hatten doch die vorauslaufenden Industrieindikatoren dies signalisiert. Stützend wirkte hingegen der wertschöpfungsmässig viel wichtigere Dienstleistungssektor. Nun hat aber das Corona-Virus dazu geführt, dass aus einem bekannten und schon oft erlebten Beschleunigen und Abbremsen der Wirtschaft eine abrupte, einmalige Vollbremsung wurde. Ironie der Geschichte ist, dass gerade der bis anhin stützende Dienstleistungssektor – und hier allen voran der Tourismus – bisher am stärksten gebeutelt wird. 

Zurzeit gibt es keine Alternative zur Strategie der Eindämmung des Corona-Virus. Folglich lässt sich mit ökonomischen Modellen kaum herleiten, wie heftig und wie lang die Rezession in der Schweiz sein wird. Dies ist in erster Linie eine epidemiologische oder zumindest eine gesellschaftspolitische Frage. Hingegen kann ökonomisch über die wirtschaftlichen Folgeschäden diskutiert werden – und dass es Folgeschäden gibt, steht ausser Frage. Bildlich gesprochen: Sobald der Konjunkturzug wieder Fahrt aufnimmt, wird er zwar versuchen, die Verspätung zumindest teilweise aufzuholen. Aber in den einzelnen Abteilen werden die Gegenstände weiterhin am Boden herumliegen. Erste grobe Schätzungen unsererseits gehen von einer Schrumpfung des Bruttoinlandprodukts von 4 % aus – ein Wert, der letztmals in der Ölkrise von 1975 übertroffen wurde. Nächstes Jahr dürfte das Wachstum mit rund 3 % indes überdurchschnittlich hoch ausfallen. Welches sind aber die Auswirkungen der Vollbremsung? Dies wollen wir uns im Folgenden anschauen.

 

Gesunder Finanzhaushalt

Der Schweizer Bundesrat hat zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 Mitte März ein umfassendes Massnahmenpaket in der Höhe von über 40 Mrd. Franken beschlossen. Dies entspricht rund 6 % des Bruttoinlandprodukts. Da der Staatshaushalt in den vergangenen Jahrzehnten – nicht zuletzt dank der 2003 eingeführten Schuldenbremse – in Ordnung gebracht wurde, wird die Schweiz diese hohen Summen der Nothilfe auch nachhaltig stemmen können. Der Schweiz droht also keine Schuldenkrise. Sobald sich der Nebel gelichtet hat, werden die Finanzmärkte die Kreditwürdigkeit der Schweiz mit Wohlwollen taxieren. Dies ist zweifelsohne eine gute Nachricht in Zeiten, in denen es ansonsten an solchen mangelt.

"Jobwunder Schweiz" wird gestoppt

Der Schweizer Arbeitsmarkt war Ende 2019 kerngesund. So war das Beschäftigungswachstum seit einem Jahrzehnt ungebrochen positiv. Dieses «Beschäftigungswunder Schweiz» wird nun aber zu einem jähen Ende kommen. Zwar wird die Arbeitslosenrate, die aktuell bei 2,8 % liegt, dank den umfassenden Massnahmen von Bund und Kantonen in den nächsten Monaten nur moderat ansteigen. So rechnen wir für dieses Jahr mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenrate von 3,4 %. Neue Stellen werden vorerst aber nur spärlich geschaffen. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der globalen Wirtschaft lastet zu sehr auf den Industriefirmen. Zudem werden die ausländischen Touristen nur zögerlich ins Land kommen. Denn die disruptiven Ereignisse (Stichwort Flugverkehr) bleiben vorerst in den Köpfen verankert. Entsprechend bescheiden wird das Lohnwachstum ausfallen. Zwar sind die Nominallöhne für 2020 bereits breitflächig fixiert, allerdings ist im Sinne einer Opfersymmetrie durchaus damit zu rechnen, dass die Arbeitnehmer ihren Teil zur Bewältigung der Corona-Krise beisteuern und Lohneinbussen in Kauf nehmen werden.

Schwächere Zuwanderung - vorerst

Aufgrund der anstehenden Rezession werden auch weniger ausländische Arbeitskräfte nachgefragt. Zudem wird der Familiennachzug, der rund 30 % der Zuwanderung ausmacht, auf die lange Bank geschoben, da die Arbeitsplatzunsicherheit der bereits in der Schweiz Beschäftigten hoch ist. Auswanderungswillige Schweizer werden im Gegenzug ihre Absichten nochmals überdenken. Der bis dato positive Auswanderungssaldo der Schweizer dürfte entsprechend fallen. Wenn allerdings die Wirtschaft – wie von uns prognostiziert – im nächsten Jahr überdurchschnittlich wächst, wird sich diese gedämpfte Zuwanderung mehrheitlich wieder ins Gegenteil umkehren. Folglich dürfte sich der Zuwanderungseffekt in der Summe beim Wohnungsmarkt nur schwach negativ bemerkbar machen.

Verhaltensänderungen inflationstreibend?

Der in normalen Zeiten effiziente und kostengünstige Managementansatz der Just-in-Time-Lieferung hat in der Corona-Krise durch die Unterbrechung von Wertschöpfungsketten Risse bekommen. Unternehmen werden in den nächsten Monaten und Quartalen falls möglich ihre Lagerbestände aufbauen und versuchen, längerfristig ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu reduzieren. Die Produktion vor Ort wird wieder attraktiver, der Welthandel zählt dadurch zweifelsohne nicht zu den Profiteuren. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, führen solche Effizienzverluste typischerweise zu steigenden Produktpreisen. Werden wir also bald hohe Inflationsraten und dadurch rasch steigende Zinsen sehen? Nein. Die Folgen der Corona-Krise zwingen die Notenbanken, noch für lange Zeit eine expansive Geldpolitik zu betreiben.

 

 Die Schweizerische Nationalbank wird ihren Leitzins unverändert lassen. Allerdings zeitigt der krisenbedingte Rückgang des internationalen Personen-, Waren- und Dienstleistungsverkehrs durchaus preistreibende Elemente, was wiederum die Inflationserwartungen steigen lässt. Der internationale Transmissionsmechanismus der Kapitalmarktzinsen wird daher auch in der Schweiz mittelfristig zu leicht steigenden Renditen führen. Es dürften allerdings noch einige Monate ins Land ziehen, bevor die Rendite der 10-jährigen Eidgenossen wieder in positives Territorium vorstösst.

Niedrigere Löhne, höhere Arbeitslosenzahlen, schwächere Zuwanderung und leicht steigende Langfristzinsen: alles Ingredienzen, die dem Wohnungsmarkt zusetzen. Da aber die wirtschaftspolitischen Akteure, ja die ganze Gesellschaft, alles unternimmt, um die Krise rasch zu bewältigen, sind die Aussichten für 2021 recht aufgehellt. Das heisst, dass im wieder an Fahrt gewinnenden Konjunkturzug dannzumal noch einiges unordentlich sein wird, der Wohnungsmarkt wird allerdings nicht der Hauptbetroffene sein.

Unsere aktuelle Konjunkturprognose finden Sie unter zkb.ch/konjunkturprognose

Immobilien Aktuell

Lesen Sie mehr dazu in unserer aktuellen Ausgabe des Magazins „Immobilien Aktuell“.

Weitere interessante Artikel zum Thema Immobilien:

Energetisch renovieren beginnt mit «starte!».

An einer «starte!»-Infoveranstaltung in Ihrer Gegend holen Sie sich wichtiges Wissen für Ihr Renovationsprojekt. Jetzt Termine ansehen.